Die von Alfred North Whitehead entwickelte Prozessmetaphysik stellt einen der innovativsten metaphysischen Entwürfe des 20. Jahrhunderts dar. Während das späte 19. Jahrhundert vor allem durch die Etablierung unabhängiger Einzelwissenschaften geprägt ist, geht es Whitehead um die Suche nach den metaphysischen Voraussetzungen, die den unterschiedlichen einzelwissenschaftlichen Methoden- und Begriffsinventaren gemeinsam sind. Kritisch wendet er sich dabei vor allem gegen den szientistischen Materialismus, der die stoffliche Natur von allen Werten, Gefühlen und Zwecke entkleidet und menschlichen Geist nur als abgeleitetes Phänomen gelten lässt. Der sogenannten Spaltung der Natur in objektive, messbare Eigenschaften einerseits und subjektive, qualitative Eigenschaften andererseits stellt er einen Naturbegriff gegenüber, der sowohl relational als auch atomistisch und prozessual ist. Prozesse werden dabei nicht als Aktivitäten von zugrundeliegenden Substanzen oder Trägern verstanden und werden auch nicht über sukzessive entstehende Bestandteile realisiert, sondern sind jeweils als selbst-schöpferische Ganzheiten (actual entities) gegeben. Insofern Prozesse die verschiedenen Aspekte der Welt zu einem neuen Geschehnis synthetisieren und damit Neues hervorbringen, eröffnen sie einen metaphysischen Horizont, der Veränderung, Kreativität und Zwecksetzung eine zentrale Stellung einräumt, der zugleich jedoch in der Lage ist, spezifischen einzelwissenschaftlichen Beobachtungen Rechnung zu tragen und sie als Muster von Prozessen und ihren Aktivitäten zu reformulieren. Vor diesem Hintergrund werden im wöchentlichen Wechsel Expertinnen und Experten historische, systematische und rezeptionsgeschichtliche Facetten der Prozessmetaphysik präsentieren.
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Ringvorlesung: Geschichte und Gegenwart der Prozessmetaphysik
Kategorie/n:
Allgemein, Philosophie